Heiner Dribbusch
Gewerkschaftliche Mitgliedergewinnung
im Dienstleistungssektor
Ein Drei-Länder-Vergleich im Einzelhandel
edition sigma, 2003
ISBN: 3-89404-977-4
Preis: 19,90 €
Heiner Dribbuschs Buch handelt von einer der zukunftsentscheidenden Herausforderungen für die moderne Gewerkschaftsbewegung: der Organisierung der Mitgliedergewinnung in den privaten Dienstleistungsbranchen.
Der Hintergrund: Auf den ersten Blick scheint der Wandel von der "Industrie-" zur "Dienstleistungsgesellschaft" untrennbar mit einem kontinuierlichen Bedeutungsverlust der Gewerkschaften verbunden und tatsächlich haben die Gewerkschaften vielfach Schwierigkeiten, Mitgliederverluste, die durch Arbeitsplatzverluste in Folge der Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Umstrukturierungen in den klassischen Industrien eintreten, durch Zugewinne im privaten Dienstleistungssektor auszugleichen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Lage der Gewerkschaften nicht hoffnungslos ist, sondern dass sie selbst entscheidenden Einfluss auf die Mitgliederentwicklung nehmen können, auch wenn die Rahmenbedingungen für die "Organisierung der Organisierung" (Wolfgang Streeck) in den meisten privaten Dienstleistungsbranchen schwierig sind.
Die wichtigsten Schlussfolgerungen der Studie sind:
Die Problemstellung: Durch zahlreiche Fusionen entstanden seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre in Deutschland zwar immer größere Gewerkschaften, die negative Mitgliederentwicklung der 1990er Jahre konnte dadurch aber bisher nicht angehalten und ins Positive gewendet werden. Ein Grund dafür ist, dass es den Gewerkschaften bisher nicht gelungen ist, dem Strukturwandel organisierend zu folgen und sich stärker in den privaten Dienstleistungsbranchen zu verankern, wohin sich das Großteil der Beschäftigung verlagert. Noch immer finden sich die Hochburgen der Gewerkschaften in Deutschland wie in fast allen EU-Staaten im öffentlichen Dienst, den staatlichen und kommunalen Unternehmen sowie in der verarbeitenden Industrie mit Schwerpunkt im Metallbereich, während die privaten Dienstleistungsbranchen mit einigen Ausnahmen vor allem im europäischen Bankenbereich in der Regel unterdurchschnittlich organisiert sind.
Der Ansatzpunkt: Die Untersuchung geht von der Beobachtung aus, dass es durchaus private Dienstleistungsbetriebe gibt, die gewerkschaftlich gut organisiert sind und demzufolge die schwache flächenmäßige Verankerung der Gewerkschaften im privaten Dienstleistungssektor kaum mit einem angeblich inadäquaten Leistungsangebot oder einer spezifischen Beitrittsscheu von Dienstleistungsbeschäftigten erklärt werden kann. Zentral scheint vielmehr zu sein, dass die große Mehrheit der Beschäftigten nie auf einen Beitritt hin angesprochen wird.
Die Untersuchung: Der Einzelhandel bot sich im Wesentlichen aus drei Gründen an. Erstens handelt es sich um die größte Einzelbranche der Privatwirtschaft. Zweitens gibt es im Einzelhandel eine relativ lange gewerkschaftliche Tradition; entsprechend liegen Erfahrungen mit Erfolgen und Problemen in der Mitgliedergewinnung vor. Drittens handelt es sich um eine insgesamt sehr moderne und dynamische Dienstleistungsbranche, deren tonangebende Unternehmen hinsichtlich ihrer Personal- und Arbeitszeitpolitik oft eine Vorreiterrolle in der Wirtschaft einnehmen. Die Fortexistenz und teilweise Renaissance von traditionellen Einzelgeschäften und kleinen Familienbetrieben mit ihren spezifischen Arbeitsbedingungen steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ist ebenso "modern" wie die (Selbst-)Ausbeutung in den Garagenbetrieben und Heimarbeitsplätzen der New Economy oder in der zukünftigen "Ich-AG". Der Blick auf den Einzelhandel ist insofern ein Blick in die Zukunft der Gewerkschaften, als die wichtigsten strukturellen Probleme, die sich dort der Organisierung stellen, auch in anderen Branchen zu bewältigen sind.
Die Studie ist als internationaler Vergleich angelegt. Das bietet den Vorteil, eine größere Vielfalt gewerkschaftlicher Herangehensweisen an die Mitgliedergewinnung untersuchen zu können. Zugleich hilft ein solcher Vergleich, die Einflüsse struktureller Rahmenbedingungen auf die Ausgestaltung gewerkschaftlicher Praxis besser zu erkennen.
Untersucht wurde in Deutschland die Praxis der Mitgliedergewinnung wie sie sich bis 2000 in der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) entwickelt hatte und auch nach 2001 in der neuen Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fortgeführt wurde. In Großbritannien wurde die Union of Shop, Distributive and Allied Workers (Usdaw) ausgewählt, die mit Abstand größte britische Gewerkschaft im Einzelhandel. In den Niederlanden dominiert in der Branche ebenfalls mit großem Abstand vor anderen Gewerkschaften die FNV Bondgenoten, die erst Anfang 1998 als Ergebnis einer Groß-Fusion niederländischer Gewerkschaften entstanden ist.
Methodisch beruht die Arbeit auf drei hauptsächlich qualitativ angelegten Fallstudien. Diese stützen sich bezüglich der Praxis der Mitgliedergewinnung vor allem auf ExpertInnengespräche mit haupt- und ehrenamtlichen VertreterInnen der ausgewählten Gewerkschaften. Bei den Interviews wurde Wert darauf gelegt, dass alle mit der Mitgliedergewinnung befassten Ebenen der Gewerkschaft berücksichtigt wurden. Neben den zentral für die Mitgliederentwicklung Verantwortlichen wurden GewerkschaftssekretärInnen, die für die regionale beziehungsweise örtliche Arbeit zuständig sind, ebenso einbezogen wie Ehrenamtliche aus den Kaufhäusern und Supermärkten.
Ergebnisse der Fallstudien: Trotz großer Ähnlichkeiten in den Branchen- und Beschäftigungsstrukturen haben die Gewerkschaften sehr verschiedene Ansätze der Mitgliedergewinnung entwickelt. Kennzeichnend für die HBV war, dass es im Gegensatz zur Usdaw keine zentrale Politik der Mitgliedergewinnung gab, die mehr als appellativen Charakter gehabt hätte. Ein zentral koordinierter Ansatz der Mitgliedergewinnung wäre angesichts der gehüteten Autonomie der Bezirke innerhalb der Organisation auch nicht durchsetzbar gewesen. Mitgliedergewinnung stellte sich bei der HBV somit als Summe unterschiedlicher lokaler und regionaler Praxen dar, die nur bruchstückhaft miteinander koordiniert waren und über die es lediglich einen begrenzten Erfahrungsaustausch gab. Die erfolgreichsten Bezirke zeichneten sich dadurch aus, dass sie eine offensive, kampagnenorientierte Gewerkschaftspolitik betrieben, in deren Rahmen auch die Mitgliedergewinnung aktiv angegangen wurde.
Zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen hat sich im deutschen Einzelhandel eine Arbeitsteilung etabliert, die die Mitgliederwerbung in der Regel fast völlig den Betriebsräten überlässt. Hauptamtlich in den Filialen durchgeführte Mitgliederwerbung führte in der HBV eine Randexistenz. Im internationalen Vergleich fällt als Spezifikum die Verbreitung vieler Varianten des Organisierens "am Konflikt" auf. Ziel ist es hierdurch, einerseits unmittelbare Mitgliedergewinne zu erzielen, andererseits die Gewerkschaft durch öffentliche Kampagnen entlang betrieblicher und überbetrieblicher Konflikte zu profilieren und so die Chancen der Mitgliedergewinnung auch mittel- und langfristig zu erhöhen.
Bei der Usdaw ist die Mitgliedergewinnung als weitgehend kohärente und zentral von oben nach unten in die Organisation vermittelte Politik verankert. Sie ist eines der dominierenden Themen in den Veröffentlichungen der Gewerkschaft und spielt auch im gewerkschaftlichen Alltag von Haupt- und Ehrenamtlichen eine herausragende Rolle. Die Gewerkschaft ist bereit, hierfür umfangreiche personelle wie materielle Ressourcen zu mobilisieren.
Die herausgehobene Bedeutung der Mitgliedergewinnung bedeutet zwar in der Praxis ebenso wenig wie bei der HBV, dass alle Ehrenamtlichen in dem Umfange für die Mitgliederwerbung begeistert werden können, wie dies seitens Organisation gewünscht wird. Jedoch sind in der Usdaw alle Organisationsebenen stark darauf ausgerichtet, entsprechende ehrenamtliche Aktivitäten anzuregen und zu fördern.
Als Spezifikum der Mitgliedergewinnung der Usdaw kann das hohe Maß der Einbindung von Hauptamtlichen in die aktive Mitgliederwerbung angesehen werden. Deren Aktivitäten sind in weitaus größerem Umfang und sehr viel systematischer auf die betriebliche Mitgliedergewinnung ausgerichtet, als dies bei den anderen beiden Gewerkschaften der Fall ist. Zugleich beteiligt sich die Gewerkschaft seit 1998 an einem innovativen und hochinteressanten Ausbildungsprojekt des TUC für hauptamtliche organisers, der so genannten Organising Academy. Zugleich demonstriert sie damit ihre Bereitschaft, auch neue Wege in der Mitgliedergewinnung zu beschreiten, wenn diese Erfolg versprechen.
Der innovativste Ansatz der FNV Bondgenoten ist das so genannte Einkaufszentrenprojekt, bei dem kleine Teams aus Ehrenamtlichen kontinuierlich KollegInnen insbesondere auch in kleinen Filialen und Geschäften mit gewerkschaftlichen Informationen versorgen und so einen ersten Kontakt zur Gewerkschaft herstellen. Insgesamt überwog allerdings in den Niederlanden der Eindruck, dass die Mitgliedergewinnung noch stärker als in Deutschland eine Nebenrolle im gewerkschaftlichen Alltag spielt. Eine aktive Politik der Mitgliedergewinnung war im Untersuchungszeitraum abseits des Einkaufszentren-Projektes nicht auszumachen. In den Arbeitszeitbudgets der Hauptamtlichen ist für die direkte Mitgliederwerbung praktisch keine Zeit vorgesehen. Bei den Ehrenamtlichen, die anders als bei der HBV in der Regel gewerkschaftliche Obleute ohne paralleles Betriebsratsmandat sind, fällt auf, wie wenig sie in der Mitgliedergewinnung eine aktiv anzugehende Aufgabe sehen. Bei keiner der anderen beiden Gewerkschaften wurde Mitgliedergewinnung derart prononciert als nachgeordnetes Ergebnis einer gewissermaßen in Vorleistung zu erbringenden "guten Gewerkschaftsarbeit" für die potentiellen Mitglieder sowie einer entsprechenden Außendarstellung der Organisation verstanden. Als besondere Erfahrung für den Dienstleistungsbereich bringt FNV Bondgenoten jedoch das Einkaufszentrenprojekt ein, dass für das im Dienstleistungsbereich akute Problem der betriebs- und firmenübergreifenden Organisierung trotz seiner bisher erreichten Grenzen einen der innovativsten Ansätze darstellt.
Das Buch: Im ersten Kapitel werden in mehreren Abschnitten in Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur die theoretische Grundüberlegungen dargestellt, die die Untersuchung geleitet haben. Mitgliedergewinnung wird im Rahmen eines Zwei-Hürden-Modells als zweistufiger Prozess aus betrieblicher Organisierung und Mitgliederwerbung analysiert, in dem den Gewerkschaften die Rolle der organising agency zukommt. Zugleich werden die wesentlichen Rahmenbedingungen der Mitgliedergewinnung und ihre mögliche Relevanz im Kontext des vorgestellten zweistufigen Modells der Organisierung diskutiert. Anschließend werden in idealtypischer Form die wichtigsten innerorganisatorische Voraussetzungen für eine aktive Mitgliedergewinnung herausgearbeitet und zugleich die gewerkschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten näher bestimmt.
Das zweite Kapitel der Untersuchung befasst sich mit den Branchen- und Beschäftigungsstrukturen im Einzelhandel sowie den unterschiedlichen Systemen industrieller Beziehungen der ausgewählten Länder. Gegenstand des daran anschließenden dritten Kapitels sind jeweils drei kurze Porträts der untersuchten Gewerkschaften.
Im umfangreichen vierten Kapitel finden sich zunächst in getrennter Darstellung die Ergebnisse der Fallstudien zur Organisation und Praxis der Mitgliedergewinnung. Danach werden im fünften Kapitel die Erfolge und Lücken der Mitgliedergewinnung anhand der jeweiligen Mitgliederentwicklung und Mitgliederstruktur untersucht. Hierbei geht es unter anderem um die Repräsentativität der Gewerkschaften in Bezug auf die großen Beschäftigungsgruppen im Einzelhandel - Frauen, Teilzeitbeschäftigte und jüngere Beschäftigte sowie ihre Verankerung in der Branche.
Im sechsten Kapitel werden die Schlussfolgerungen der Untersuchung zusammengefasst und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vorgefundenen Organisierungsansätze der einzelnen Gewerkschaften im Kontext der jeweiligen nationalen Systeme industrieller Beziehungen analysiert. Das Buch schließt mit einem über den Einzelhandel hinausreichenden Ausblick auf Kontinuität und Neuanfang der Mitgliedergewinnung bei ver.di.
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Thema: Organizing
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